Die Essenz.
Obwohl wir einander liebten und lieben wollten – haben wir uns jahrelang verletzt. Ich gefangen in meinen Mustern. Sie gefangen in ihren Mustern. Aber wir haben uns nie trennen lassen.
Wir haben uns den Aufgaben und Herausforderungen gestellt. Uns jeden Tag aufs Neue füreinander entschieden. Der Preis, den wir dafür bezahlt haben, war unglaublich hoch. Den Preis nicht zu bezahlen, wäre unendlich viel höher gewesen.
Wir konnten einander erst die reine Liebe geben, als wir begannen, vollkommene Selbstverantwortung zu übernehmen. Als wir erkannten, dass wir uns die Liebe, die wir suchten, nur selber geben konnten. Als jeder anfing, seinen Weg zu gehen. Nicht getrennt – aber doch jeder für sich alleine.
Wenn jeder mit sich selbst im Reinen und in der Liebe ist – und dann Begegnung stattfindet – beginnt das wahre Wunder der Partnerschaft zwischen Mann und Frau. König und Königin begegnen sich – und werden zu einer Einheit.
Der Kämpfer.
Es war einmal ein Mann, der war ein Kämpfer. Er kämpfte für sich und für die Aufgaben, die ihm gestellt wurden. Er bewältigte viele Herausforderungen und wurde mit jedem Schritt stärker. Doch mit seiner Stärke wuchsen auch die Aufgaben. Manchmal stieß er an seine Grenzen, doch er meisterte die Prüfungen. Manchmal waren die Herausforderungen so schwer, dass er über seine Kräfte hinausging. Dann war er voller Verletzungen und wütete umso mehr.
Doch es gab eine Frau an seiner Seite – seine Frau. Sie heilte ihn, wenn er mit seinen Wunden zurückkehrte. Sie pflegte ihn. Sie besänftigte ihn. Doch es kam vor, dass der Mann in seinem Wüten um sich schlug und dabei die Frau verletzte. Oft nahm er diese Verletzungen gar nicht wahr, weil er so sehr in seiner kämpferischen Energie gefangen war. Die Frau jedoch war stark, und ihre Kräfte waren so weit fortgeschritten, dass sie sich immer wieder selbst heilen konnte. Oft verheilten ihre Wunden schnell, manchmal half ihr dabei die Zeit. Doch es kam auch vor, dass Narben zurückblieben.
Drei Kinder.
Der Mann und die Frau lebten weiter zusammen. Der Mann errang viele Ehrungen und Lobpreisungen für das Bestehen seiner Herausforderungen. Er wurde als Kämpfer immer mehr geachtet.
Eines Tages, es war im Frühling, gebar die Frau einen Sohn. Dieser Sohn schenkte dem Mann die Liebe zur Verletzlichkeit. Der Mann war voller Dankbarkeit. Doch er kämpfte weiter – nun nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie. Die Frau wurde erneut schwanger und gebar einen zweiten Sohn. Dieser Sohn schenkte dem Mann die Liebe zum Großmut. Wieder war er voller Dankbarkeit.
Doch der Kampf blieb ein Teil von ihm. Er ehrte seine Frau, aber er wütete auch. Er bewältigte jede neue Aufgabe, doch er begann zu erkennen, dass er nicht nur sich selbst verletzte, sondern auch seine Frau und seine Kinder. Eines Frühjahrs wurde die Frau wieder schwanger. Sie gebar eine Tochter. Sie schenkte dem Mann die Liebe zur Sanftmütigkeit. Und wieder war er voller Dankbarkeit.
Der Ruf.
Etwas begann ihn zu rufen. Der Ruf war die ganze Zeit da gewesen, doch erst jetzt konnte er ihn hören – leise und vage, aber unüberhörbar. Er versuchte zu lauschen. Es war ein Ruf, so klar und doch noch so fern.
Um ihm nachzugehen, erkannte er, dass er auf eine Reise gehen musste. Dort hoffte er, die Stille zu finden, um den Ruf klar zu hören und zu verstehen. Er bereitete seine Reise vor, verabschiedete sich von seiner Familie und machte sich auf den Weg. Er durchstreifte ferne Gebiete, bis er an einen besonderen Ort kam. Dort verweilte er und begann zu suchen.
Nach vier Tagen erkannte er, dass die Reise ihn in sein Innerstes führte. Es gab Momente, in denen er verwirrt war, denn vieles in ihm gaukelte ihm vor, sein wahres Ich zu sein. Doch er lauschte weiter. Sein innerer Ruf führte ihn. Um weiterzukommen, legte er Altes ab. Und in dieser Schwere erkannte er, dass er nicht mehr kämpfen musste.
Die Burg.
Er akzeptierte und ließ sich nun von seinem Innersten führen. Doch während er weiterging, erkannte er, dass sein wahres Inneres auf einem Berg lag. Er machte sich auf den Weg. Der Pfad war beschwerlich. Er schritt durch Täler und Höhen, durchquerte Flüsse und Einöden. Seine kämpferische Kraft verließ ihn langsam. Es gab Momente, in denen er umkehren und aufgeben wollte. Doch der Ruf war zu stark.
Schließlich gelangte er auf den Berg. Dort stand eine Burg. Sie war vollkommen verlassen, unbelebt und verschlossen. Er suchte nach einem Weg hinein. Die Mauern waren hoch, alle Tore verschlossen. Es schien keinen Zugang zu geben. Doch er fand eine kleine Lücke. Eine Möglichkeit, hindurchzukriechen. Er zwängte sich durch und sah sich um. Die Burg war alt und teilweise eingestürzt.
Er erkannte, dass dies sein Innerstes war. Er hatte es vergessen. Ihm wurde klar, dass er in all den Jahren des Kämpfens nie heimgekehrt war.
Die Heimkehr.
Er begann, alles zu untersuchen. Und er erkannte, dass er sein Innerstes heilen konnte. Mit all den Fähigkeiten, die er in seinem Leben erworben hatte, konnte er seine Burg wieder aufbauen. Er machte sich an die Arbeit. Während er Stein für Stein setzte, erkannte er sich selbst. Er war nun kein Kämpfer mehr. Er war zu einem König geworden.
Er durfte nun sein kämpferisches Wams ablegen und sich sein königliches Gewand überziehen. Er erkannte, dass Verletzlichkeit, Großmut und Sanftmütigkeit keine Schwächen waren. Er nahm seine eigene Verletztheit an, so wie sie war. Und er wurde durch die Akzeptanz seiner Schwächen stärker. Seine Burg wuchs, und er verstand, dass sie einen Schatz brauchte. Er rief seine Liebe zur Verletzlichkeit, seine Liebe zur Großmut und seine Liebe zur Sanftmütigkeit herbei – und er sah sie. Er kniete vor ihnen nieder und ehrte sie dafür, dass sie so geduldig gewartet hatten.
Er erkannte, dass eine Königin einen König brauchte. Er rief sie – und sie begegneten sich. Er schenkte ihr die für sie bestimmte Krone. Auch seinen Kindern vermachte er Kronen. Der König war nun heimgekehrt. Und er tanzte voller Glück mit seiner Frau und seinen Kindern. Der Schatz war nun freigelegt.
